Verquert durch den Norden (2)

Verquert durch den Norden (2)

Fortsetung von „Verquert durch den Norden (1)

Die Thermik wurde nicht wesentlich besser aber zumindest war mir wieder warm und ich hatte keinen Gegenwind mehr. Immer wieder warf ich einen Blick in Richtung Norden zur Küste. Das Wolkenbild änderte sich aber nicht und ich blieb weiter auf Westkurs.

Dollart & Ems

Den Dollart konnte ich schon recht bald erkennen und er kam auch lamgsam näher. Endlich wieder eine Abwechslung in einer Landschaft, in der es mehr Windräder als Menschen zu geben schien.
Ich kreuzte die Autobahn in Richtung Leer und schon war ich fast direkt über Papenburg. Nur unschwer war die Meyer-Werft aus der Luft zu übersehen. Ich machte schnell ein paar Fotos und überlegte, welchen Kurs ich nun einschlagen sollte.

Papenburg mit Meyer-Werft


Richtung Süden sah es am besten aus. In Richtung Heimweg ließ sich die Wetterentwicklung kaum einschätzen, da ich mittlerweile viel zu weit weg war. Ich bemerkte, wie sich entlang der Autobahn eine Aufreihung mehrerer gut aussehender Wolken ausgebildet hatte. Die Entscheidung war nun schnell getroffen: Nach Süden wollte ich hier wegen des starken Nordwindes nicht, da ich diesen sonst für den gesamten Heimweg gegen mich gehabt hätte. So machte ich es mir leicht und folgte der Aufreihung mit dem nächsten Ziel im Kopf: Oldenburg.
Meine eigentlich Aufgabe konnte ich eh nicht mehr erfliegen und so beschloß ich möglichst viele Kilometer für den OLC im best möglichen Wetter zu machen. Irgendeinen Wertung gab es immer, in der man Punkte sammeln konnte.

Gleich das Steigen der ersten Wolke der Aufreihung war besser als alles, was ich in der letzten halben Stunde unter der Fläche hatte. Ich begann die Geschwindigkeit zu erhöhen und die nächste Wolke bestätigte den Trend. Ich befand mich immer noch leicht südlich der Autobahn. Lag das gute Steigen nun an der besseren Gegend oder an der Tatsache, dass ich in der thermisch besten Tagesszeit unterwegs war? Nachdem die Aufreihung so gut funktioniert hatte, malte ich mir aus, dass es auch in Richtung Küste wieder besser aussah. Mittlerweile hatte ich fast die Hälfte der Strecke nach Oldenburg zurückgelegt und das Zwischenahner Meer war schon wieder in Reichweite. Ich beschloss noch einen weiteren Versuch zu starten und nahm Kurs auf den Rand der Kontrollzone in Wittmund.

Direkt gegen den Wind ging es wieder langsamer vorwärts. Wie schon beim ersten Anlauf, nahm die Basishöhe wieder leicht ab und die Thermik wurde wieder schlechter, aber immer noch besser, als in der Nähe vom Jadebusen. Ich hatte diesmal ein wenig mehr Geduld. Als ich dann kurz vor Wittmund kaum mehr die 1000 Meter schaffte, gab ich aber dennoch entnervt auf und ging wieder auf Südkurs.

Ich war sauer auf das blöde Wetter, auf die bescheuerten ein-Meter Bärte, auf denjenigen, der den Wetterbericht mit guter bis sehr guter Wolkenthermik vorhergesagt hatte und überhaupt hatte das Flugzeug auch schon mal mehr Lust zum Gleiten. In Selbstmitleid versunken bemerkte ich, dass in meiner Bordtasche noch ganz viele leckere Sachen zu Essen waren, die ich bisher komplett vergessen hatte. Mit dem Essen besserte sich auch die Laune wieder und ich kam langsam wieder in bessere thermische Bedingungen.

Direkt über Oldenburg angekommen wanderte mein Blick wieder in Richtung Wesermarsch nördlich von Bremen. Immernoch sah es in diese Richtung nicht einladend aus. In schlappen 1,2 Meter Steigen betrachtete ich aus der Luft sämtliche Laufstrecken, die ich bisher in Oldenburg bei meinen Schwiegereltern über die Jahre absolviert hatte. Aus der Luft sah alles so nahe beisammen aus. Mit Laufschuhen unterwegs waren das ganz andere Dimensionen. Ich erinnerte mich an viele Details. Hier ging es mal gut, dort wieder schlecht. An der einen Stelle hatte ich mit Rückenwind die hiesigen Lokalmatadore bei Ihrer Sonntagsrunde stehen lassen und an einer anderen Stelle wurde ich schon einmal bei Nieselregen selbst nass gemacht.
Ich merkte, dass ich wieder vom Fliegen abgelenkt war und eigentlich immer noch nicht wusste, wohin es weitergehen sollte.
Entlang der Autobahn in Richtung Ahlhorn hatte sich nun eine amtliche Wolkenstraße ausgebildet. Auch links und rechts daneben bildeten sich solche Straßen aus.

Mit Rückenwind unter einer Wolkenstraße weg aus dem Norden – das war nun der Plan.

Da es plötzlich so viele Aufreihungen gab, die auch paralel zum derzeitigen Kurs direkt wieder zum Flugplatz führten, hatte ich keine Hemmungen diese auch komplett auszufliegen. Im Süden kam eh irgendwann die Luftmassengrenze. So weit weg konnte es mich daher eigentlich nicht verschlagen. Mit 170 km/h über Grund fand ich mich kurze Zeit später ohne nenneswerte Kreisereien über Vechta wieder. Dort stolperte ich in einen vier Meter-Aufwind! Einen Lidschlag später war ich wieder an der Basis, passierte die Diepholzer Kontrollzone und ließ den Dümmer links liegen.

Dümmer See

Lauter Segelboote waren dort unterwegs und erfreuten sich vermutlich an den guten Bedingungen. Wenn die wüssten, auf was für einer Welle ich gerade unterwegs war! Auf der Höhe von Damme war die Wolkenstraße allerdings zu Ende. Links neben mir gab es nun eine weitere Wolkenstraße in Richtung Norden. Voller Adrenalin nahm ich die weite Rechtskurve mit viel zu schnellen 150km/h und fand mich in 750 Metern unter der Wolkenstraße wieder.

Ich versuchte gutes Steigen zu finden und nahm einen für diesen Zeitpunkt eher schlechten 2,5 Meter Bart an.

Ein Langohr, dessen Kennzeichen mir nichts sagte, gesellte sich zu mir. Unter der Basis angekommen flogen wir gemeinsam in Richtung Norden. Mit der LS4 gestaltete es sich allerdings schwierig, an dem Flieger dranzubleiben und so versuchte ich es gar nicht erst. Gegen den Wind ging es wieder langsamer vorwärts, aber unter der Straße war es nicht schwer, wieder zurück nach Oldenburg zu fliegen.

Und nun? Eigentlich war es mit 17 Uhr schon recht spät und ich hatte Endanflughöhe auf den Heimatflugplatz. Die Wolkenstraßen waren aber immer noch vorhanden und Thermik war bis 19 Uhr angesagt. Aufhören wäre also Verschwendung natütlicher Ressourcen gewesen.

Ich flog fast den identischen Weg zurück in Richtung Süden, diesmal eine kleine Spur östlicher. Das große Moor bei Vechta lag direkt unter mir, darüber eine mächtige Woke und daneben eine Aufreihung zurück zum Flugplatz. Es sah nach einem entspanntem Rückflug aus.
Hinter dem Moor, zwischen Barnstorf und Diepholz war ich aufgewachsen und meine Mutter wohnte noch in dem kleinem Ort namens Cornau, der wegen einer kleinen Kneipe, in der es Mixgetränke zu mikroskopisch niedrigen Preisen gab, eher berüchtigt als berühmt war. Ich wusste, dass meine Mutter zu Hause war, so dass ich versuchte den Kurs über den Ort zu legen.

Die Wolke über dem Moor funktionierte gut. Weit unter mir kreisten einige Kraniche im gleichen Aufwind. Diese grandiose Optik über der weiten Moorfläche war schon wieder etwas ganz besonderes. Was für verschiedene Situationen und Orte ich heute schon erlebt hatte – der Hammer!
Unter der Wolke angekommen bugsierte ich mein Handy aus der Seitentasche und versuchte meine Mutter anzurufen. Die Verbindunng wurde tatsächlich aufgebaut und kurze Zeit später hatte ich sie am Ohr. Ich sagte ihr, sie solle in den Garten gehen und in Richtung Moor zum Himmel schauen. Da sie mit begrenzter Begeisterung von meinem Hobby wusste, war klar, warum ich anrief.

Ich konnte hören, wie sie in den Garten ging, dann brach die Verbindung ab.

Hmm, das war jetzt blöd. Eigentlich musste ich mich wieder auf das Fliegen konzentrieren und einen Plan für den Heimweg machen. Auf der anderen Seite würde sich meine Mutter bestimmt Sorgen machen, wenn so ein Telefonat aus dem Flugzeug einfach abbricht. Ich versuchte es noch einmal. Diesmal wurde die Verbindung gar nicht erst aufgebaut. Mist – ich konnte nichts machen. Ich startete einen weiteren Versuch – wieder nichts.
Ich gab es auf, weitere Anrufversuche zu machen und schaute mir den Himmel an.
Über Barnstorf bildete sich gerade eine Wolke, die vielversprechender aussah, als die schon etwas alt aussehende Wolkenstraße, die ich mir ursprünglich zurechtgelegt hatte. Da ich eh nur noch ein bis zwei Mal an die Basis zum Heimkommen musste, flog ich die Wolke über Barnstorf an, denn rundherum sah es immer noch gut aus.

irgendwo bei Barnstorf



Ich dachte kurz daran, vielleicht sogar noch nach Hoya zu fliegen. Über Barnstorf angekommen flog ich direkt unter der Wolke her. Leider war hier außer einem lustlosen Blubbern nichts zu finden. „Das gibt es doch gar nicht! Direkt über einem größerem Ort in 2/3 Basishöhe und dann nichts?“
Weiterfliegen wäre jetzt fast einer Außenlandung gleichgekommen, denn die nächste Wolke stand in 15 Kilometern Entfernung über Twistringen. Bei einer Höhe von 800 Metern keine gute Idee, zumal der Wind auch irgendwie stärker geworden war. Hektisch scannte ich den Himmel nach Alternativen ab. Hier ein Fussel, da ein kleiner Tupfer, nichts was einen euphorisierte. Ich drehte um und versuchte diesen verdammten Aufwind zu wieder zu finden. Irgendwo musste das Ding sein. Ich versuchte mir vorzustellen, von wo die Wolke ausgelöst wurde und wohin der Wind die Thermik versetzen würde. Tatsächlich – das Variometer machte sich zöglerlich bemerkbar. Ich zentrierte hin- und her, musste mich dann aber mit einem knappen Meter zufrieden geben. Quälend langsam näherte ich mich der Wolke von unten an.
Ich hatte vor, hier die maximale Höhe heraus zu holen. Leider riß die Thermik dann viel zu früh ab. Mein Endanflugrechner gab an, dass mir noch 200 Meter fehlten. Ich hatte vorher eine Sicherheitshöhe von 150 Metern konfiguriert und flog derzeit mit einem MC-Ready von 1.0 herum. Eigentlich eine machbare Aufgabe. Mir fehlte eigentlich nur noch ein Aufwind.

Ein anderer Wert auf dem Display machte mir allerdings größere Sorgen: Der Wind war auf 35 km/h aufgefrischt und weiter gedreht, als vorhergesagt. Für den Heimweg hatte ich ihn direkt auf der Nase. Nun wurde es wohl doch noch einmal richtig spannend…

Weiter ging es in Richtung Twistringen. Auf dem direkten Heimweg war nun gar keine Wolke mehr in Reichweite zu sehen. Über Twistringen stand die nächste Wolke. Der Ort wollte einfach nicht näherkommem. Ich flog mit bestem Gleiten. Bei einer Gegenwindkomponente von 30 km/h machte das über Grund nicht viel mehr Geschwindigkeit, als eine frisierte 50er mit Rückenwind. Das einzige, was hier nächer kam, war der Boden!

Nach einer schier unendlichen Zeit erreichte ich die Wolke und das nicht nicht wirklich hoch. 600 Meter fühlten sich nicht gut an und mein Rechner bestätigte das. Ich bekam die Wolke nicht zu fassen und wurde nur weiter vom Wind verblasen.
What? Eben noch himmelhochjauchzend und nun schon am Außenlanden? Ich musste weiterfliegen, das brachte hier alles nichts. Auf dem Heimweg bildeten sich hier und da noch mal kleine Schlieren. Die Luft war noch nicht ganz tot. Ich flog diese Mini-Quellungen ab und lange Zeit blubberte es nur vor sich hin. Noch 15 Kilometer und ich war schon bis auf 500 Meter runter. Plötzlich gab es einen Ruck unter der Fläche und das Vario meldete sich wieder. Es zeigte mehr als einen Meter.
Yes! Sollte das der Bart sein, der mich nach Hause brachte? Leider war die Thermik sehr zerissen. Integriert kam ich immerhin auf 1,2 Meter. Langsam kam ich höher und mein Rechner sagte, dass es nun fast reichen würde.

Plötzlich war das Steigen weg – wie abgeschnitten. Ich machte noch einen größeren Kreis, das Steigen war weg. Leider hatte dieser Kreis zusammen mit dem Windversatz richtig gekostet und ich war wieder satt im Minus. Zu Hause war ich noch lange nicht, obwohl es nur noch 15 Kilometer waren. Der Rechner schien, wie ich, mit dem Wind nicht klarzukommen. Je tiefer ich kam, desto stärker wurde er.

Mir blieb nichts anderes übrig, als wieder auf Kurs zu gehen. Da es kaum noch sinnvolle Wolken anzufliegen gab, flog ich nun nach Bodenmerkmalen. Ich kam einfach nicht von der Stelle. Der nächste Ort Harpstedt, rückte nicht näher. Über einer Lichtung im Wald gab es wieder Thermik, die wie aus dem Nichts ganz energisch am Flieger rüttelte.
Jetzt aber! Das musste es doch sein. Ich hatte Ausschläge bis über zwei Meter. Allerdings war kein Kreis konstant, ständig musste ich nachkorrigieren. Vor lauter Wut brüllte ich den Bart an, er solle nun endlich mal rund sein. Mittlerweile war ich wieder auf 700 Meter, aber auch wieder weiter weg. Auch dieses Mal kam ich nicht mehr an die letzte Basishöhe heran und musste weiterfliegen.

Ich versuchte es nun direkt über dem Ort, mehr Ideen hatte ich nicht mehr.

In Harpstedt angekommen hatte ich noch 500m. Ich überflog den Ortskern und ein größeres Industriegelände. Wieder nichts. Einen Acker hatte ich mir schon ausgeguckt. Ich überflog das große Waldstück bei Harpstedt ohne einen nennenswerten Aufwind zu bemerken.

Die Gewissheit kam mit dem Ziehen der Landklappen. Der Flug war nun endgültig, 7 Kilometer Luftlinie vom Flugplatz entfernt, vorbei.

Kaum dass der Flieger zum Stehen gekommen war, klingelte das Telefon. Es war meine Mutter, die wissen wollte ob ich es nach Hause geschafft hatte (ich glaube in Wirklichkeit wollte sie überhaupt ein Lebenszeichen vom mir haben). Noch bevor ich meine Außenlandung meinem Rückholer mitteilen konnte, musste ich erst einmal meine Mutter beruhigen. Das Rückholen ging trotz der ungünstigen Lage zur Ausfahrt am Acker recht zügig und problemlos über die Bühne (Danke Andy!).

LS4 im Kornfeld

Insgesamt spukte dieser ereignisreiche Flug fast eine ganze Woche in meinm Kopf herum. Betrachtet man nüchtern die erflogenen Kilometer und die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Strecke, so ist dieser Flug nichts Besonderes und bedarf keines Berichtes in epischer Länge. Für mich war er wegen der Gegend, in der ich vorher noch nie war, wegen des Auf- und Ab während des Fluges und wegen der kleinen Geschichten am Rande etwas Aussergewöhnliches.
Es sind gerade diese Momente, die diese Hobby zu etwas ganz Besonderem machen und einen dazu antreiben – auch bei mäßigen Wetterprognosen – die kleinen Abenteuer am Himmel zu suchen.

Flug beim OLC